dello Spirito del Bosco

Amira’s Geschichten

Von Echos, Bällen und sturen Menschen

Manchmal, aber nur manchmal, geht mir Meistermein gehörig auf den Geist.

Dieses Wochenende schaffte er dies sogar zwei Mal. Zuerst, als er mit mir am Samstag loszog, um den Wald zu erkunden. Das ist ja an sich nichts Spezielles oder Grossartiges. Zuhause wissen sie: Wenn er sagt, dass wir zwei Stunden unterwegs seien, kommen wir nach vier Stunden zurück. Diesmal wars ein wenig länger, und das ist nicht meine Schuld.

Denn: Zunächst war alles wie gehabt, ich suchte einen Trüffel, warf ihn Meistermein vor die Füsse und erwartete als Belohnung eine Runde Spiel und Spass. Stattdessen wurde der Kerl gierig und meinte, ich solle gleich nochmal so eine Knolle ausbuddeln. Wollte ich ja. Eigentlich. Aber als ich eben an einen meiner Lieblingsplätze ging, hoppelte mir ein Hase vor der Nase durch. Wir Logotti sind ja normalerweise wirklich nicht auf Jagd aus, aber dieser Hase… nun ja, ich fetzte also hinter ihm her, und Meistermein blieb einfach stehen, brüllte ein wenig in der Gegend rum, und logisch: Wenn er mir nicht nachrennt, kann ich ihn bald nicht mehr hören.

Als ich ihn nicht mehr hörte, er mich nicht mehr sah, und der Hase zwischenzeitlich wohl dank seiner flinken Hinterläufe entkommen war, zottelte ich friedlich wieder den Weg zurück. Bis ich plötzlich Meistermein rufen hörte. Allerdings nicht von dort aus, wo er zuvor war, sondern vom gegenüberliegenden Hügel.

Meinem normalerweise durch Folgsamkeit, Sanftmut, Tüchtigkeit und Fleiss geprägten Wesen folgend (habe ich hier noch irgend einen Bestandteil des Eigenlobes vergessen) raste ich also durch wildes Gestrüpp den einen Hügel runter, den anderen hoch – und fand niemanden. Keinen Meistermein, keinen Hasen, nur einen Reiter mit Pferd. Zwar hörte ich Meistermein noch immer rufen, aber merkwürdigerweise aus verschiedenen Richtungen. Also blieb ich mal auf dem Weg sitzen, der Reiter hielt an und er und sein Pferd musterten mich die längste Zeit.

Irgendwann brüllte der Reiter in den Wald „Ihr Hund ist bei mir“. Naja, nicht gaaanz so freundlich. Es tönte mehr so wie „Ihr Scheissköter sitzt hier auf dem Weg und lässt mich nicht durch!“ Was so gar nicht stimmte.

Jedenfalls tauchte Meistermein schliesslich verschwitzt, keuchend und mit roten Beinen auf und erklärte dem Reiter, dass ich dem Echo nachgerannt sei und er deshalb durch Brennesselfelder hier raufkraxeln musste, ich total harmlos sei (hm, ich denke, der Hase ist anderer Meinung) und er jetzt (hier benutzte er ein etwas übles Wort) sofort einen Brunnen suchen müsse, um seine Beine abzukühlen.

Und während er so mit dem Reiter sprach, schnupperte das Pferd an mir, ich leckte seine Nüstern und wir waren uns sofort einig, dass eigentlich nur der Reiter vor mir Schiss hatte.

Am nächsten Tag dann wollte ich solchen Vorkommnissen gleich vorbeugen und nahm von Anfang an einen Tennisball mit auf den Spaziergang. Damit sollte Meistermein klar sein: Nix Trüffel suchen, nix Hasen jagen, nur Spielen. Endlos.

Das ging auch gut. Bis wir auf einer grossen Wiese angekommen waren, wo mir sofort der Geruch eines anderen Tennisballes in die Nase stach. Also rannte ich los, deponierte meinen Tennisball im Wald und suchte den anderen. Meistermein blieb brav stehen, denn inzwischen habe ich ihn so gut erzogen dass er weiss: Ich komme wieder, wenn ich den Ball gefunden habe oder wenn ich versehentlich in der Badeanstalt gelandet bin und sie mich dort verjagen.

Mit dem neuen Ball wetzte ich zu ihm, und spielend marschierten wir weiter. Nur: Tennisbälle sind auch nicht mehr das, was sie mal waren, und das Teil hatte schon bald einen Riss.

Hier muss ich anfügen: Ich habe inzwischen gelernt dass jene Sachen, welche ich in den Fluss werfe, einfach davonschwimmen und nicht mehr zurück kommen. Das geschieht sogar mit Tennisbällen. Mit Tannenzapfen. Und Meistermeins Turnschuhen.

Da der Ball also kaputt war, spuckte ich ihn ins Wasser und schaute ihm zu, wie er von dannen schwamm. Schliesslich wusste ich, dass ein zweiter Ball im Wald lag. Doch statt seiner stach mir der Duft eines anderen Tennisballs in die Nase. Näher. Verlockender. Angemoderter. Schlicht: Unwiderstehlich.

Dass zwischen mir und dem Ball ein Maschendrahtzaun war: Was solls? für etwas hat man ja Meistermein. Der sah den Ball nicht, weil er unter Efeu lag, aber ich, ich roch ihn. Ganz deutlich. Und bewegte mich nicht mehr weg. Meistermein musste nun also mit einem Stock durch die Löcher im Zaun stochern, das Efeu anheben, die Hände durch Brennesseln strecken (was der sich auch immer anstellt!), und nach einer Viertelstunde hatte er den Ball entdeckt. Da musste er ihn nur noch in einem abenteuerlichen Balanceakt so über den Hag balancieren, dass ich ihn auch endlich zum Spielen benutzen konnte. Und das Publikum tobte vor Begeisterung.

Endlich, endlich war es soweit, und ich konnte mit der neuen Beute spielen. Ach, was sag ich: Spielen? Nach einigen hundert Metern war auch dieser Ball kaputt. Sie erinnern sich: Es gab da noch einen….
Meistermein ist gut erzogen. Er wartete die ganze Zeit, bis ich wieder bei ihm war und wedelnd den ersten Ball vor seinen Füssel platzierte.

Was ich nicht ganz verstehe ist, weshalb er mich daraufhin an die Leine nahm und nicht mehr spielte. Merke: Menschen sind schwer zu erziehen und ihre Reaktionen noch schwerer zu durchschauen. Aber irgendwann werde ich auch Meistermein fertig erzogen haben.

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Kurzmitteilung

Der Lichtblick: Idealgewicht!

ImageBei den Griechen war alles klar: Die Mohnblume war das Symbol der Unterweltsgöttin Persephone, und auch Hyphnos, der Gott des Schlafes, hielt meist eine Mohnblüte in der Hand. Heisst ja auch: Schlafmohn.

Und vielleicht hätten wir das alles im Hinterkopf halten sollen, als wir uns heute auf den Spaziergang machten. Denn kaum waren wir aus dem Haus – „wir“ sind ich und Meistermein – sahen wir in der Wiese, auf dem Weg zum Wald, leuchtend rote Mohnblumen. Aber man soll ja nicht in allem eine Symbolik vermuten… Auch nicht, als wir wenig später einen „gefallenen Engel“ entdeckten: Einen toten Schwan, der seine Flügel ausgebreitet hatte wie ein Engel, der vom Himmel gestürzt ist.

Meistermein hat mir schon früh beigebracht, dass ich mich nicht mit toten Tieren beschäftigen soll, und so marschierte ich an dem Kadaver vorbei, Richtung Wald. Dort, schliesslich, ist das, was ich spannend finde: Tannenzapfen ohne Ende und ab und zu mal ein Trüffel.

Vor wenigen Tagen, auf dem Weg zum Wald, entdeckte Meistermein auf einer Kuhweide einen Rehbock. Keine Ahnung, wie er dort in das Gelände reingeraten war, jedenfalls fand er den Ausgang nicht und knallte immer mit seinem Körper gegen die Umzäunung. Als er uns sah, kam er vorsichtig näher, ich setzte mich hin, bis er unmittelbar vor uns stand. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Rehe merken, dass ich ihnen nicht gefährlich werde. Jedenfalls rief Meistermein bei der Gemeinde an, woraufhin der Wildhüter erschien – allerdings zu spät, der Bock hatte seinen Weg in die Freiheit schon gefunden.

Aber: Meistermein hatte nun die Telefonnummer des Wildhüters auf seinem Handy, und das sollte heute noch nützlich sein.

Im Wald suchten wir heute zunächst einige Stellen nach Trüffeln ab. Also: Ich suchte, und Meistermein musste mir an der Schleppleine durchs Unterholz nachrennen (ja, ich weiss, es ist gemein: Aber ich nehme ihn manchmal an die lange Leine). Als ich so richtig im Eifer war, blieb er stehen und rief mich zurück: Er hatte endlich das tote Reh entdeckt, an welchem ich vorbeigerannt war.

Das Reh hatte keine Riss-Spuren und war noch nicht angefressen, und als der alarmierte Wildhüter kam, war klar: Es war eine Geiss, die Milch spritzte noch aus den Zitzen, sie war nicht abgemagert, aber über und über mit Zecken bedeckt.

Nun war auch klar, was das komische Geräusch war, das wir weiter weg im Unterholz hörten: Es tönte wie das Schreien eines grossen Vogels – aber es war das Rehkitz, das nach seiner Mutter rief.

Und es war klar, was mit ihm geschehen würde. Es mit nach Hause zu nehmen war keine Option – das ist bei uns sogar verboten. Und überleben konnte es in der Wildnis nicht. Als der Wildhüter sein Gewehr holte, gingen Meistermein und ich zum Fluss… schliesslich bin ich nicht schussfest…

Ich badete, bis ich plötzlich eine Witterung aufnahm. Meistermein sagt dann, dass er meiner Nase ansehe, wo ich mit ihr etwas „sehe“. Ich rannte los, mitten in den Wald, musste im Unterholz wühlen, mich durch das Dickicht kämpfen, doch nach wenigen Sekunden hatte ich ihn gefunden: Einen Tennisball! Mitten im Wald! Innerhalb von 30 Tagen habe ich also damit 21 Tennisbälle gefunden – keine schlechte Ausbeute!

Auf dem Nachhauseweg trafen wir per Zufall eine Kollegin von Meistermein, die mit ihrem Jagdhund durch Zufall dort vorbeigelaufen war, wo die tote Rehgeiss gelegen hatte, und die beiden Zweibeiner diskutierten, dass die Umstände des Todes des Tieres merkwürdig waren. Ob hier vielleicht Gift im Spiel war?

Zuhause angekommen, gab mir Meistermein mein Futter – aber ich hatte schlicht keine Lust. Mir war plötzlich übel, ich ging in den Garten, legte mich in den Schatten und wartete, dass es besser werde.

Meistermein seinerseits kaufte schnell Zigaretten, doch als er zurückkam, hatte mich solch Schüttelfrost ergriffen, dass er mich kurzerhand ins Auto packte, der Tierärztin aufs Handy anrief und sofort bei ihr vorbei fuhr. Sie stellte Untertemparatur fest, einen verhärteten Bauch, und mir war inzwischen so elend, dass ich mich nicht mal grossartig gegen die Spritze wehrte, die sie mir setzte. Wer mich kennt weiss: Es muss mir also verdammt schlecht gegangen sein. Und an Essen war schon gar nicht mehr zu denken…

Inzwischen habe ich immerhin eine Portion Kartoffelstock runterwürgen können und frage mich, weshalb es in einem Hundeleben ab und zu solche Tage wie heute geben muss.

Immerhin war der Abschluss bei der Tierärztin toll: Sie meinte nämlich, dass ich inzwischen für meine Grösse wohl das Idealgewicht erreicht habe. Wobei ich besser verschweige, wo das liegt: Schliesslich bin ich schwerer, als nach Standard ein Lagotto-Männchen sein sollte. Abver ich bin ja auch keine Standard-Hündin mit Standard-Abenteuern in einem Standard-Leben!

 


Als Meistermein im Schnee versank

Nach einigem Buddeln erblicke ich endlich Meistermein im Schnee!

Forrest Gumps Mama hat es richtig erkannt. Die sagte immer: „Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel – man weiss nie, was man bekommt„.

Mein Leben ist ähnlich wie diese Pralinenschachtel: Vorgestern spazierte Meistermein mit mir durch den Frühling, ich schnupperte an frischen Blumen und buddelte ein wenig in der Erde, wälzte mich in frisch ausgebrachtem Mist und sprang im Fluss hinter Forellen her. Doch dann verfrachtete mich Meistermein ins Auto, wir fuhren los, irgendwann döste ich ein. Bis das Auto anhielt. Meistermein öffnete die Türe, ich blinzelte raus und sah: Schnee. SCHNEE! Hey, ich bin ein Wasserhund, und Schnee ist weisses Wasser! Also sprang ich fiepsend vor Freude aus dem Auto, rannte den Berg hoch, wieder runter, hüpfte durch das kalte Weiss und fragte gar nicht danach, weshalb nun, kaum, dass der Frühling begonnen hat, der Winter wieder da ist.

In der Nacht schliefen wir zwar in ungewohnter Umgebung, aber das war mir egal, denn: Am Morgen war der Schnee noch immer da, genauso, wie ich es vermutet hatte! Also drängte ich raus, wälzte mich alle drei Meter im Schnee, bis plötzlich ein anderer  Hund meinen Weg kreuzte. Und dann noch einer. Aber noch bevor wir uns richtig warm schnuppern konnten, sassen wir in einer Seilbahn den Berg hoch (und ich gebe zu: Das geht schneller, als zu Fuss), und bei der Mittelstation sah ich: Noch mehr Hunde. Natürlich war  ich wieder mal die Kleinste – kein Wunder also, dass ich mich zuerst mal ganz ordentlich zurückhielt.

Meistermein jedoch begrüsste eine Menge Männer, die alle in gelben Jacken herumliefen, und während ich warten musste, zottelten sie zusammen los. Dann durfte ein Hund nach dem andern zum Schnee, und von meinem Sitzpunkt aus konnte ich perfekt mitverfolgen, was die machten: Sie jagten sie durch den Schnee, nahmen Witterung auf und gruben danach so schnell, dass hinter ihnen weisse Wolken aufstieben.

„Die suchen nach Verschütteten“, hörte ich jemanden sagen, der neben mir stand und dem Treiben zuschaute. Und jetzt wurde mir klar, was los war: Die spielten nicht! Ich war mitten in einer Lawinenhunde-Übung gelandet! Auf dem Corvatsch. Dort, wo die Luft dünner ist als bei mir zuhause und ich mich doppelt anstrengen muss, um überhaupt mit dem Schwanz zu wedeln.

Noch am Abend zuvor hatte Meistermein das „Barryvox“ studiert, ein Verschütteten-Suchgerät – natürlich nach einem Hund benannt! „What else“, wenn ich als Hündin  George Clooney zitieren darf. In der Gebrauchsanweisung wird gezeigt, wie man Verschüttete suchen soll, und Meistermein kommentierte: „Ha, genau so, wie du immer suchst: Zuerst hin und her, die Spur aufnehmen, und dann die Detailsuche!“ Klar: Wir Hunde wissen, wie der Hase läuft. Und die Lawinenhunde suchten genauso. Barryvoxe auf vier Pfoten. Konzentriert, ohne, dass ihre Meister gross Anweisungen geben mussten, die wussten von alleine, worum es geht.

Dabei will ich eines nicht vergessen zu erwähnen: Meistermein machte wacker mit. Wacker heisst: Im Rahmen seiner bescheidenen sportlichen Möglichkeiten. Denn während der Suche folgte der Hundeführer dem Hund. Und Meistermein folgte, mit einer Schaufel bewehrt, dem Hundeführer, um jedesmal, wenn ein Hund etwas fand, im Schnee zu buddeln. Und weil die Hunde schneller waren als er buddeln konnte, war er schon nach wenigen Minuten von Kopf bis Fuss schweissgebadet und kraxelte schliesslich wieder erschöpft den Lawinenkegel hoch.

Doch dann kam für mich der Höhepunkt: Ich durfte versuchen, mit den Grossen mitzuhalten – mit den Lawinenhunden, die schon seit Jahren auf den Bergen Leben retten.

Die erste Übung war einfach: Meistermein rannte im Schnee davon, und plötzlich, schwuppsdiwupp, war er weg. Wie vom Erdboden verschluckt. Als ich losrannte und suchte, war es einfach: Dort, wo er eben noch stand, war ein Loch und dort drin Meistermein.

Dann wurde es etwas schwieriger: Wieder verschwand Meistermein im Schnee. Doch von einem Loch war jetzt keine Spur mehr. Stattdessen: Schnee. Aber das war ähnlich wie mit Trüffeln: Man sucht den Geruch, gräbt, und gräbt, und scharrt noch ein wenig mehr mit den Pfoten, bis ich endlich in das Loch runtersteigen konnte, in dem mein Büchsenöffner verschwunden war. Sofort kamen die anderen Hundeführer dahergerannt und sorgten dafür, dass das Loch so gross wurde, dass Meistermein mir ans Licht folgen konnte. Da war keine Spur von „Spiel“ – es war zwar eine Übung, aber alles, jeder Handgriff, jede Funkmitteilung, war wie im Ernstfall. Denn dort muss alles klappen.
Und hier kann das Filmchen meines Abenteuers angeguckt werden…

Ich gebe es zu: Für mich war das ein toller Erfolg. Und so richtig stolz wurde ich, als ein altgedienter Hundeführer meinte, dass ich das Zeug dazu hätte, ein ausgezeichneter Lawinenhund zu werden.

Doch im Lauf des Tages wurde mir klar: Dazu wird es nicht kommen. Erstens, weil Meistermein zu alt ist. Zweitens, weil wir nicht in den Bergen leben.

Und als ich den Menschen zuhörte, wie sie miteinander sprachen, lernte ich viel: Dass sie alle dies freiwillig machen, dass sie für Ausbildung, Übungen und tagelanges Piket keine Entschädigung erhalten, wie schwierig es für sie manchmal auch ist, mit dem umzugehen, was sie bei einem Ernstfall erleben. Kurzum: Auch wenn mir die Übung Spass machte, hat sie einen sehr ernsten Hintergrund.

Für mich ist eines klar: Wenn ich darf, werde ich wieder an einer Übung teilnehmen. Ein „Barry“, der 40 Leben gerettet haben soll, werde ich nie. Jedoch ist es ein so tolles Team mit Menschen und Hunden, dass es einfach eine Erfahrung fürs Leben ist. Und Erfahrungen, sagt Meistermein, kann man nie genug haben.

Ach ja, à propos Erfahrung: Da gibt es noch eine, die ich nicht missen möchte: Als wir am Abend wieder zuhause waren, stakste Meistermein ganz merkwürdig in der Gegend rum und murmelte immer wieder etwas, das so tönte: „Muskelkater! MUUUUSKELKAAATER! Vom kleinen Zeh bis zum Halszäpfchen!“ Keine Ahnung, wer dieser offensichtlich unfreundliche Kerl namens „Muskelkater“ ist. Aber wenn Meistermein nach jeder Übung so rumläuft, dann will ich an möglichst vielen teilnehmen!

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Noch eine Bemerkung am Rande von Meistermein: Wie Amira erwähnt hat, leisten die Männer und auch die Hunde des Rettungshunde-Teams Oberengadin Ausserordentliches. Sie retten nicht nur Leben, sie riskieren ihres auch, um anderen Menschen zu helfen. Und: Sie sind auf Spenden angewiesen. Ich weiss, das ist ein Wink mit dem Zaunpfahl. Und der Wink geht noch weiter: Nämlich bis zur Konto-Nummer: Postfinance – Konto 70-9062-1, Lawinenhundegruppe Oberengadin Celerina.


Mathematik für verspielte Lagotti

Wochenenden kündigen sich schon früh an: Meistermein liest die Zeitung, kratzt sich am Kopf, murmelt ein paar unanständige Worte zum Thema Wetter und geht dann zur Metzgerei, um für mich Pferdefleisch zu kaufen. Steckt er es in den Tiefkühler, dann weiss ich: Nix da für die nächsten Tage. Legt er es aber in der Küche zum Auftauen hin, dann ist klar: Das Wochenende steht vor der Tür, und wir gehen stundenlang in die Natur.

Gestern war so ein Tag. Meistermein packte alles zusammen, was es braucht: Rucksack mit Futter, Wasserflasche, mobiler Fress-Trinknapf, Leine, Belohnungshäppchen, Kot-Säckchen, Geräte zum Trüffel ausgraben, ein Sack für die Trüffel. Ich schaue dem Packen immer gerne zu. Vor allem merke ich, wenn er etwas vergisst: Seinen Zigaretten-Vorrat. Dann weiss ich, dass wir bestimmt während der Wanderung viele Leute kennenlernen, die er notfallmässig um Rauchware anbetteln muss.

Zurück zu gestern. Wir marschierten also los. Es war heiss. Zum Glück merkte ich schon bald, dass wir zu einem Berg gingen, den ich wie meine Westentasche kenne – alle paar hundert Meter gibt es kleine Bäche, die Badewannen bilden, in welchen ich mich wälzen kann. Ist es trocken, gibt es eben ein Schlammbad. Was viel besser ist, denn Meistermein fährt mich dann anschliessend zum See, wo ich so lange schwimmen darf, bis er das Gefühl hat, ich sei sauber.

Auf dem Weg den Berg hinauf war es heiss. Sehr heiss. Nichtsdestotrotz wollte ich natürlich, dass Meistermein mir einen Tannenzapfen wirft, den ich ihm dann wieder zurückbringen kann. Wer nun meint, ich mache dies aus reiner Lust am Spiel, der hat sich geirrt. Es sind mathematische Übungen, die ich mache.

Zunächst nämlich muss ich mir einen Tannenzapfen aussuchen, der so riecht, wie ich es für richtig erachte. Ich nehme ihn in die Schnauze, wäge ihn und schätze danach Meistermeins Tagesform ab: Geht er leicht gebückt, dann weiss ich, dass ihn wieder mal das Zipperlein plagt und er nicht so viel Kraft in den Wurf legen kann. Oder wenn wir den Berg hochmarschiert sind, kann ich an seinem Keuchen und Pfeifen hören, dass da nicht mehr viel Kraft und Saft in ihm steckt. Geht er wacker voran und hat Zug in seinen Schritten, dann ist klar, dass er fit wie ein Turnschuh ist. Rennt er jedoch, ist klar, dass mit dem Spielen nichts wird, denn dann ist eine Bergbeiz in der Nähe.

Weiss ich mal, wie viel Kraft er hat, ist das schon die halbe Miete. Dann muss ich nur noch die Windrichtung feststellen, die Windgeschwindigkeit abschätzen, die Wurfhöhe in meinem geistigen Auge projezieren, dann die Reichweite mit der Formel R=vo hoch zwei über g mal sinus(2Beta) berechnen, und schon weiss ich, wie weit er werfen wird. Simpel, oder? Und sollte er beim Werfen mal Ächzen und Stöhnen, dann ist klar, dass eine Sitzung beim Chiropraktiker ansteht. Im Normalfall aber kann ich ihm den Tannenzapfen vor die Füsse werfen, er bückt sich, während dieser Zeit renne ich voraus und warte. Sofern ich die Wurfparabel richtig berechnet habe, fällt der Zapfen genau vor mir auf den Boden, und ich muss nicht mehr lange suchen. Irgendwann wird er auch dahinter kommen, dass ich ihm im Rechnen weit voraus bin und dann wahrscheinlich eine neue Wurftechnik entwickeln. Bis es aber so weit ist, dürfte es noch lange dauern.

Nicht so lange jedoch, wie wir gestern den Berg hochkraxelten. Oben angekommen, durfte ich im Bergrestaurant Wasser trinken, während er sich mit einem Espresso begnügte. Meistermein hatte nämlich wieder mal vergessen, Geld mitzunehmen. Sonst hätte es bestimmt für einen Nussgipfel gereicht. Aber nun musste er sich entscheiden: Zigaretten und Kaffee oder Kaffee und Nussgipfel. Raten Sie, wie es ausging…

Nach einer Viertelstunde sah ich eine alte Freundin. Sie ist wirklich alt, eine Dalmatiner-Dame. Ich kenne sie, seit ich bei Meistermein lebe. Aber sie war, im Gegensatz zu mir, nicht etwa erschöpft, sondern sprang herum als ob sie der Aufstieg überhaupt keine Kraft gekostet habe. Sie offenbarte mir ein Geheimnis: Wenn man von der anderen Seite als wir auf den Berg geht, kann man fahren. Mit einem Bus. Vielleicht sollte ich dieses Geheimnis mal mit Meistermein teilen. Wobei: Ob man im Bus auch mit Tannzapfen werfen darf? Das muss ich unbedingt mal ausprobieren.


Wenn es quietscht sollte man Ölen

Ganz tief in Meistermein steckt etwas, das ich nie geahnt hätte: Eine Quietsch-Ente. Ehrlich. Da waren wir also in Brisighella, und er verlangte von mir, dass ich Trüffelstückchen aus der Erde ausbuddle. Okay, tu ich ihm den Gefallen. Dann reisen wir durch einige italienische Städte, und er verlangt von mir, dass ich mich anständig aufführe. Auch gut. Kann ich ja ohne Probleme.

Dann endlich erreichen wir das Ferienhaus im Tessin. Dass das ein Heidenstress ist, merkt er natürlich nicht. Aber ich, ich muss erst mal durch den Garten rennen, um sämtliche Siebenschläfer, Dachse, Katzen, Rehe und Wildschweine zu verjagen, die sich möglicherweise irgendwo verstecken. Als ich das endlich geschafft habe – mitten in der Nacht, wohlgemerkt! – bequemt sich also auch endlich Meistermein dazu, mit mir durch den Garten zu spazieren. Und dabei eben entdeckte ich, dass er eine Quietschente tief in seinem Innern versteckt hat. Denn jedesmal, wenn er auf eine stachlige Kastanie trat, quietschte er und hüfte rum, als ob eine Ente einen Foxtrott tanzt. Menschliche Quietschente, eben.

Dabei finde ich die Kastanien toll. Im Tessin, das habe ich inzwischen rausgefunden, gibt es nur wenige Tannenzapfen. Und die sind eigentlich mein liebstes Spielzeug. Meistermein muss sie werfen, ich hetze ihnen nach und bringe sie wieder zu Meistermein. Manchmal stöhnt er unbescheiden: „Würdest Du doch nur so viele Trüffel finden wie Tannenzapfen!“ Aber Pustekuchen: Trüffel sind bei weitem nicht so spannend, denn die steckt er sich in den Rucksack, statt sie wieder in den Wald zu werfen, wo ich sie suchen könnte.

Aber eben: Ich war bei den Tannenzapfen. Obwohl sie hier rar sind, habe ich also auf der Wanderung einen gefunden. Meistermein wirft, ich renne, lese ihn auf, bringe ihn zu Meistermein, er wirft, ich renne, und so weiter, und so fort. Fort. Genau. Plötzlich war mein Tannenzapfen fort. Einfach weg. Ich durchsuchte jedes Dickickt, kehrte das Laub, und obwohl ich ihn deutlich roch, war er nicht mehr zu finden.

Niemand hat mir beigebracht, dass ich als Hund nicht auf Bäume klettern darf. Aber das wusste ich nicht, und als Meistermein mich rief, hing ich mehr oder weniger elegant im Geäst und konnte nicht mehr runter. Wenigstens kapierte Meistermein jetzt, dass der Tannzapfen in einem Kastanienbaum hing. Er kletterte hoch, holte mich runter, kletterte nochmal hoch, murmelte etwas wie „Schlimmer als bei einem Kind“, hangelte sich auf einen Ast und schüttelte den Tannenzapfen runter.

Was nun geschah, war so etwas wie die Erfüllung meiner Träume: Es regnete Kastanien. Sie wissen schon: Jene, welche Meistermein zum Quietschen bringen, wenn er drauf steht. Und ich bemerkte: Solche Kastanien fallen im Moment überall von den Bäumen. Immer wieder. Pausenlos. Wenn es hell ist, wenn es Dunkel ist, immer. Das heisst: Ich muss nur warten, bis eine runterpurzelt, dann renne ich zu ihr, bringe sie zu Meistermein, er quietscht, irgendwo fällt die nächste runter, ich hole sie… kurzum: Kastanien sind das ideale Spielzeug. Und wenn ich es schaffe, sie Meistermein in die Hand zu legen, kann ich ihm sogar zusehen, wie er beim Quietschen wilde Tänze aufführt.


Von Nasen und Hundstagen

Plötzlich standen die beiden Kerle dort. Bewegten sich nicht, sondern hatten sich bedrohlich dort aufgebaut, wo ich sonst den Füchsen nachjage.
Zunächst begnügte ich mich damit, ihnen mit lautem Bellen kundzutun: Ihr seid hier nicht erwünscht. Passt bloss auf! Und damit wäre die Sache von meiner Seite her klar gewesen. Nur: Am nächsten Tag waren sie noch immer dort. Und damit war für mich klar: Ich musste zum Angriff übergehen. Wobei ich zugebe, dass ich das mit einer gehörigen Portion Angst machte. Aber dank einem beherzten Sprung kam ich bei einem der beiden Kerle auf Kopfhöhe und biss herzhaft zu. Ich hatte seine Nase erwischt, riss sie ab, rannte davon und frass sie auf. Das wirkte: Schon am nächsten Tag waren sie weg.

Inzwischen sind einige Monate vorbei, und ich wundere mich über die Chinesen: Sie meinen, wir lebten im Jahr des Tigers. Dabei höre ich allerorten, dass es Hundstage seien, die Menschen meinen, sie seien Hundemüde, und wenn ein Gewitter loslegt, meinen sie, man schicke keinen Hund vor die Tür.

Pustekuchen! Die kennen Meistermein nicht. Der ging gestern mit mir in den Wald, und natürlich legte ein Gewitter los, wie wir es noch nie erlebt hatten. Selbst unter den Bäumen wurden wir pudelnass, öh, äh, natürlich: lagottofeucht, und ich verzog mich unter eine Tanne, als ich ein interessantes Naturphänomen beobachten konnte: Aus dem Boden schossen kleine Fontänen mit Wasser, und mit diesem Wasser wurden kleine, schwarze Klumpen aus dem Boden gespült. Am Erstaunlichsten war: Die Klumpen bewegten sich. Natürlich guckte ich nach und erschrak, als mich einer der Klumpen ansprang: Es waren Mäuse, die aus ihren Löchern gespült wurden.

Heute jedoch war es trocken, und ich fand meinen ersten Trüffel der neuen Saison. Meistermein war natürlich zu blöd, den zu sehen, und ich musste ihn ihm mit der Schnauze bis vor die Füsse rollen.

Wieder zuhause gab es für mich dann die grosse Überraschung: Meistermein biss in eine Nase. Genau in eine solche, wie ich sie einem der frechen Kerle vor einem halbe Jahr abgebissen hatte. Staunend nahm ich zur Kenntnis, dass man diese Nasen offensichtlich sogar kaufen kann.

Den frechen Kerl auf der Wiese nannte Meistermein übrigens „Schneemann“. Und sogar für die Nasen hat er jetzt einen Namen: Rüben.


Erziehungsfrage

Ich neige zu Abkürzungen. Meistermein ist hier eine Ausnahme: Er meint, er sei mein Meister. Eben: Meistermein. Anders sieht es bei Frana aus. Sie ist meine Mama. Also Frama. Denise ist meine Ziehmutter. Also Dezimu. So wird das Leben einfacher.

Also: Am Wochenende waren Frama, Dezimu und meine Tantchen Chioia und Aysha zu Besuch. Das hat mich über alle Massen gefreut, aber auch geschlaucht. Dafür habe ich jetzt einen eigenen Baum. Der ist sogar mit einem Zeichen markiert. Meistermein meinte zwar, das bedeute „Wanderweg“, aber der hat eh keine Ahnung. Das Zeichen heisst „Amira“. Ganz klar.

Heute nun führte Meistermein mich zu meinem Baum. Und glaubte wohl, ich würde ihm dort wacker ein paar weitere Trüffel ausbuddeln. Nun, das lief so ab: Ich musste mit meiner Nase irgendwo auf den Boden zeigen, mit einer Pfote leicht schaben, und sofort war Meistermein zur Stelle, um mit irrem Blick und einem Suppenlöffel ein riesiges Loch zu Buddeln. SO ist brav! Denn ich hatte anderes zu tun: Schliesslich führten viele andere Hunde ihre Halterinnen Gassi. Die rannten dann durch den Wald, riefen „Reeeheeeeeex!“, „Struppimuppi“ und so Zeugs, wedelten wild und mit verzweifeltem Blick die Leinen, kämpften sich in wadenwärmenden Jogginganzügen durch das Unterholz, während ich schon von weitem sah, dass meine Kumpels eigentlich nur etwas abseits des Weges im Schatten sassen.

Richtig lustig wurde es aber, als ich einen grossen Frosch entdeckte. Er hatte sich im Laub versteckt, ich mit der Schnauze hinter ihm her, Meistermein hinter mir her, und so hüpften wir als Frosch-Hund-Mensch-Kette durchs Laub. Immer wenn ich irgendwo den Frosch aufs Neue erschnupperte, meinte Meistermein, er müsse jetzt nach einem Trüffel graben. Bis er dann endlich mein Spiel durchschaute.

Um ihn zu trösten, zeigte ich ihm dann doch noch vier Pilze, die um meinen Baum wuchsen. Mehr nicht. Schliesslich muss ich ihn gut abrichten.