dello Spirito del Bosco

Hundeleben

Von Echos, Bällen und sturen Menschen

Manchmal, aber nur manchmal, geht mir Meistermein gehörig auf den Geist.

Dieses Wochenende schaffte er dies sogar zwei Mal. Zuerst, als er mit mir am Samstag loszog, um den Wald zu erkunden. Das ist ja an sich nichts Spezielles oder Grossartiges. Zuhause wissen sie: Wenn er sagt, dass wir zwei Stunden unterwegs seien, kommen wir nach vier Stunden zurück. Diesmal wars ein wenig länger, und das ist nicht meine Schuld.

Denn: Zunächst war alles wie gehabt, ich suchte einen Trüffel, warf ihn Meistermein vor die Füsse und erwartete als Belohnung eine Runde Spiel und Spass. Stattdessen wurde der Kerl gierig und meinte, ich solle gleich nochmal so eine Knolle ausbuddeln. Wollte ich ja. Eigentlich. Aber als ich eben an einen meiner Lieblingsplätze ging, hoppelte mir ein Hase vor der Nase durch. Wir Logotti sind ja normalerweise wirklich nicht auf Jagd aus, aber dieser Hase… nun ja, ich fetzte also hinter ihm her, und Meistermein blieb einfach stehen, brüllte ein wenig in der Gegend rum, und logisch: Wenn er mir nicht nachrennt, kann ich ihn bald nicht mehr hören.

Als ich ihn nicht mehr hörte, er mich nicht mehr sah, und der Hase zwischenzeitlich wohl dank seiner flinken Hinterläufe entkommen war, zottelte ich friedlich wieder den Weg zurück. Bis ich plötzlich Meistermein rufen hörte. Allerdings nicht von dort aus, wo er zuvor war, sondern vom gegenüberliegenden Hügel.

Meinem normalerweise durch Folgsamkeit, Sanftmut, Tüchtigkeit und Fleiss geprägten Wesen folgend (habe ich hier noch irgend einen Bestandteil des Eigenlobes vergessen) raste ich also durch wildes Gestrüpp den einen Hügel runter, den anderen hoch – und fand niemanden. Keinen Meistermein, keinen Hasen, nur einen Reiter mit Pferd. Zwar hörte ich Meistermein noch immer rufen, aber merkwürdigerweise aus verschiedenen Richtungen. Also blieb ich mal auf dem Weg sitzen, der Reiter hielt an und er und sein Pferd musterten mich die längste Zeit.

Irgendwann brüllte der Reiter in den Wald „Ihr Hund ist bei mir“. Naja, nicht gaaanz so freundlich. Es tönte mehr so wie „Ihr Scheissköter sitzt hier auf dem Weg und lässt mich nicht durch!“ Was so gar nicht stimmte.

Jedenfalls tauchte Meistermein schliesslich verschwitzt, keuchend und mit roten Beinen auf und erklärte dem Reiter, dass ich dem Echo nachgerannt sei und er deshalb durch Brennesselfelder hier raufkraxeln musste, ich total harmlos sei (hm, ich denke, der Hase ist anderer Meinung) und er jetzt (hier benutzte er ein etwas übles Wort) sofort einen Brunnen suchen müsse, um seine Beine abzukühlen.

Und während er so mit dem Reiter sprach, schnupperte das Pferd an mir, ich leckte seine Nüstern und wir waren uns sofort einig, dass eigentlich nur der Reiter vor mir Schiss hatte.

Am nächsten Tag dann wollte ich solchen Vorkommnissen gleich vorbeugen und nahm von Anfang an einen Tennisball mit auf den Spaziergang. Damit sollte Meistermein klar sein: Nix Trüffel suchen, nix Hasen jagen, nur Spielen. Endlos.

Das ging auch gut. Bis wir auf einer grossen Wiese angekommen waren, wo mir sofort der Geruch eines anderen Tennisballes in die Nase stach. Also rannte ich los, deponierte meinen Tennisball im Wald und suchte den anderen. Meistermein blieb brav stehen, denn inzwischen habe ich ihn so gut erzogen dass er weiss: Ich komme wieder, wenn ich den Ball gefunden habe oder wenn ich versehentlich in der Badeanstalt gelandet bin und sie mich dort verjagen.

Mit dem neuen Ball wetzte ich zu ihm, und spielend marschierten wir weiter. Nur: Tennisbälle sind auch nicht mehr das, was sie mal waren, und das Teil hatte schon bald einen Riss.

Hier muss ich anfügen: Ich habe inzwischen gelernt dass jene Sachen, welche ich in den Fluss werfe, einfach davonschwimmen und nicht mehr zurück kommen. Das geschieht sogar mit Tennisbällen. Mit Tannenzapfen. Und Meistermeins Turnschuhen.

Da der Ball also kaputt war, spuckte ich ihn ins Wasser und schaute ihm zu, wie er von dannen schwamm. Schliesslich wusste ich, dass ein zweiter Ball im Wald lag. Doch statt seiner stach mir der Duft eines anderen Tennisballs in die Nase. Näher. Verlockender. Angemoderter. Schlicht: Unwiderstehlich.

Dass zwischen mir und dem Ball ein Maschendrahtzaun war: Was solls? für etwas hat man ja Meistermein. Der sah den Ball nicht, weil er unter Efeu lag, aber ich, ich roch ihn. Ganz deutlich. Und bewegte mich nicht mehr weg. Meistermein musste nun also mit einem Stock durch die Löcher im Zaun stochern, das Efeu anheben, die Hände durch Brennesseln strecken (was der sich auch immer anstellt!), und nach einer Viertelstunde hatte er den Ball entdeckt. Da musste er ihn nur noch in einem abenteuerlichen Balanceakt so über den Hag balancieren, dass ich ihn auch endlich zum Spielen benutzen konnte. Und das Publikum tobte vor Begeisterung.

Endlich, endlich war es soweit, und ich konnte mit der neuen Beute spielen. Ach, was sag ich: Spielen? Nach einigen hundert Metern war auch dieser Ball kaputt. Sie erinnern sich: Es gab da noch einen….
Meistermein ist gut erzogen. Er wartete die ganze Zeit, bis ich wieder bei ihm war und wedelnd den ersten Ball vor seinen Füssel platzierte.

Was ich nicht ganz verstehe ist, weshalb er mich daraufhin an die Leine nahm und nicht mehr spielte. Merke: Menschen sind schwer zu erziehen und ihre Reaktionen noch schwerer zu durchschauen. Aber irgendwann werde ich auch Meistermein fertig erzogen haben.

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Als Meistermein im Schnee versank

Nach einigem Buddeln erblicke ich endlich Meistermein im Schnee!

Forrest Gumps Mama hat es richtig erkannt. Die sagte immer: „Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel – man weiss nie, was man bekommt„.

Mein Leben ist ähnlich wie diese Pralinenschachtel: Vorgestern spazierte Meistermein mit mir durch den Frühling, ich schnupperte an frischen Blumen und buddelte ein wenig in der Erde, wälzte mich in frisch ausgebrachtem Mist und sprang im Fluss hinter Forellen her. Doch dann verfrachtete mich Meistermein ins Auto, wir fuhren los, irgendwann döste ich ein. Bis das Auto anhielt. Meistermein öffnete die Türe, ich blinzelte raus und sah: Schnee. SCHNEE! Hey, ich bin ein Wasserhund, und Schnee ist weisses Wasser! Also sprang ich fiepsend vor Freude aus dem Auto, rannte den Berg hoch, wieder runter, hüpfte durch das kalte Weiss und fragte gar nicht danach, weshalb nun, kaum, dass der Frühling begonnen hat, der Winter wieder da ist.

In der Nacht schliefen wir zwar in ungewohnter Umgebung, aber das war mir egal, denn: Am Morgen war der Schnee noch immer da, genauso, wie ich es vermutet hatte! Also drängte ich raus, wälzte mich alle drei Meter im Schnee, bis plötzlich ein anderer  Hund meinen Weg kreuzte. Und dann noch einer. Aber noch bevor wir uns richtig warm schnuppern konnten, sassen wir in einer Seilbahn den Berg hoch (und ich gebe zu: Das geht schneller, als zu Fuss), und bei der Mittelstation sah ich: Noch mehr Hunde. Natürlich war  ich wieder mal die Kleinste – kein Wunder also, dass ich mich zuerst mal ganz ordentlich zurückhielt.

Meistermein jedoch begrüsste eine Menge Männer, die alle in gelben Jacken herumliefen, und während ich warten musste, zottelten sie zusammen los. Dann durfte ein Hund nach dem andern zum Schnee, und von meinem Sitzpunkt aus konnte ich perfekt mitverfolgen, was die machten: Sie jagten sie durch den Schnee, nahmen Witterung auf und gruben danach so schnell, dass hinter ihnen weisse Wolken aufstieben.

„Die suchen nach Verschütteten“, hörte ich jemanden sagen, der neben mir stand und dem Treiben zuschaute. Und jetzt wurde mir klar, was los war: Die spielten nicht! Ich war mitten in einer Lawinenhunde-Übung gelandet! Auf dem Corvatsch. Dort, wo die Luft dünner ist als bei mir zuhause und ich mich doppelt anstrengen muss, um überhaupt mit dem Schwanz zu wedeln.

Noch am Abend zuvor hatte Meistermein das „Barryvox“ studiert, ein Verschütteten-Suchgerät – natürlich nach einem Hund benannt! „What else“, wenn ich als Hündin  George Clooney zitieren darf. In der Gebrauchsanweisung wird gezeigt, wie man Verschüttete suchen soll, und Meistermein kommentierte: „Ha, genau so, wie du immer suchst: Zuerst hin und her, die Spur aufnehmen, und dann die Detailsuche!“ Klar: Wir Hunde wissen, wie der Hase läuft. Und die Lawinenhunde suchten genauso. Barryvoxe auf vier Pfoten. Konzentriert, ohne, dass ihre Meister gross Anweisungen geben mussten, die wussten von alleine, worum es geht.

Dabei will ich eines nicht vergessen zu erwähnen: Meistermein machte wacker mit. Wacker heisst: Im Rahmen seiner bescheidenen sportlichen Möglichkeiten. Denn während der Suche folgte der Hundeführer dem Hund. Und Meistermein folgte, mit einer Schaufel bewehrt, dem Hundeführer, um jedesmal, wenn ein Hund etwas fand, im Schnee zu buddeln. Und weil die Hunde schneller waren als er buddeln konnte, war er schon nach wenigen Minuten von Kopf bis Fuss schweissgebadet und kraxelte schliesslich wieder erschöpft den Lawinenkegel hoch.

Doch dann kam für mich der Höhepunkt: Ich durfte versuchen, mit den Grossen mitzuhalten – mit den Lawinenhunden, die schon seit Jahren auf den Bergen Leben retten.

Die erste Übung war einfach: Meistermein rannte im Schnee davon, und plötzlich, schwuppsdiwupp, war er weg. Wie vom Erdboden verschluckt. Als ich losrannte und suchte, war es einfach: Dort, wo er eben noch stand, war ein Loch und dort drin Meistermein.

Dann wurde es etwas schwieriger: Wieder verschwand Meistermein im Schnee. Doch von einem Loch war jetzt keine Spur mehr. Stattdessen: Schnee. Aber das war ähnlich wie mit Trüffeln: Man sucht den Geruch, gräbt, und gräbt, und scharrt noch ein wenig mehr mit den Pfoten, bis ich endlich in das Loch runtersteigen konnte, in dem mein Büchsenöffner verschwunden war. Sofort kamen die anderen Hundeführer dahergerannt und sorgten dafür, dass das Loch so gross wurde, dass Meistermein mir ans Licht folgen konnte. Da war keine Spur von „Spiel“ – es war zwar eine Übung, aber alles, jeder Handgriff, jede Funkmitteilung, war wie im Ernstfall. Denn dort muss alles klappen.
Und hier kann das Filmchen meines Abenteuers angeguckt werden…

Ich gebe es zu: Für mich war das ein toller Erfolg. Und so richtig stolz wurde ich, als ein altgedienter Hundeführer meinte, dass ich das Zeug dazu hätte, ein ausgezeichneter Lawinenhund zu werden.

Doch im Lauf des Tages wurde mir klar: Dazu wird es nicht kommen. Erstens, weil Meistermein zu alt ist. Zweitens, weil wir nicht in den Bergen leben.

Und als ich den Menschen zuhörte, wie sie miteinander sprachen, lernte ich viel: Dass sie alle dies freiwillig machen, dass sie für Ausbildung, Übungen und tagelanges Piket keine Entschädigung erhalten, wie schwierig es für sie manchmal auch ist, mit dem umzugehen, was sie bei einem Ernstfall erleben. Kurzum: Auch wenn mir die Übung Spass machte, hat sie einen sehr ernsten Hintergrund.

Für mich ist eines klar: Wenn ich darf, werde ich wieder an einer Übung teilnehmen. Ein „Barry“, der 40 Leben gerettet haben soll, werde ich nie. Jedoch ist es ein so tolles Team mit Menschen und Hunden, dass es einfach eine Erfahrung fürs Leben ist. Und Erfahrungen, sagt Meistermein, kann man nie genug haben.

Ach ja, à propos Erfahrung: Da gibt es noch eine, die ich nicht missen möchte: Als wir am Abend wieder zuhause waren, stakste Meistermein ganz merkwürdig in der Gegend rum und murmelte immer wieder etwas, das so tönte: „Muskelkater! MUUUUSKELKAAATER! Vom kleinen Zeh bis zum Halszäpfchen!“ Keine Ahnung, wer dieser offensichtlich unfreundliche Kerl namens „Muskelkater“ ist. Aber wenn Meistermein nach jeder Übung so rumläuft, dann will ich an möglichst vielen teilnehmen!

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Noch eine Bemerkung am Rande von Meistermein: Wie Amira erwähnt hat, leisten die Männer und auch die Hunde des Rettungshunde-Teams Oberengadin Ausserordentliches. Sie retten nicht nur Leben, sie riskieren ihres auch, um anderen Menschen zu helfen. Und: Sie sind auf Spenden angewiesen. Ich weiss, das ist ein Wink mit dem Zaunpfahl. Und der Wink geht noch weiter: Nämlich bis zur Konto-Nummer: Postfinance – Konto 70-9062-1, Lawinenhundegruppe Oberengadin Celerina.


Mathematik für verspielte Lagotti

Wochenenden kündigen sich schon früh an: Meistermein liest die Zeitung, kratzt sich am Kopf, murmelt ein paar unanständige Worte zum Thema Wetter und geht dann zur Metzgerei, um für mich Pferdefleisch zu kaufen. Steckt er es in den Tiefkühler, dann weiss ich: Nix da für die nächsten Tage. Legt er es aber in der Küche zum Auftauen hin, dann ist klar: Das Wochenende steht vor der Tür, und wir gehen stundenlang in die Natur.

Gestern war so ein Tag. Meistermein packte alles zusammen, was es braucht: Rucksack mit Futter, Wasserflasche, mobiler Fress-Trinknapf, Leine, Belohnungshäppchen, Kot-Säckchen, Geräte zum Trüffel ausgraben, ein Sack für die Trüffel. Ich schaue dem Packen immer gerne zu. Vor allem merke ich, wenn er etwas vergisst: Seinen Zigaretten-Vorrat. Dann weiss ich, dass wir bestimmt während der Wanderung viele Leute kennenlernen, die er notfallmässig um Rauchware anbetteln muss.

Zurück zu gestern. Wir marschierten also los. Es war heiss. Zum Glück merkte ich schon bald, dass wir zu einem Berg gingen, den ich wie meine Westentasche kenne – alle paar hundert Meter gibt es kleine Bäche, die Badewannen bilden, in welchen ich mich wälzen kann. Ist es trocken, gibt es eben ein Schlammbad. Was viel besser ist, denn Meistermein fährt mich dann anschliessend zum See, wo ich so lange schwimmen darf, bis er das Gefühl hat, ich sei sauber.

Auf dem Weg den Berg hinauf war es heiss. Sehr heiss. Nichtsdestotrotz wollte ich natürlich, dass Meistermein mir einen Tannenzapfen wirft, den ich ihm dann wieder zurückbringen kann. Wer nun meint, ich mache dies aus reiner Lust am Spiel, der hat sich geirrt. Es sind mathematische Übungen, die ich mache.

Zunächst nämlich muss ich mir einen Tannenzapfen aussuchen, der so riecht, wie ich es für richtig erachte. Ich nehme ihn in die Schnauze, wäge ihn und schätze danach Meistermeins Tagesform ab: Geht er leicht gebückt, dann weiss ich, dass ihn wieder mal das Zipperlein plagt und er nicht so viel Kraft in den Wurf legen kann. Oder wenn wir den Berg hochmarschiert sind, kann ich an seinem Keuchen und Pfeifen hören, dass da nicht mehr viel Kraft und Saft in ihm steckt. Geht er wacker voran und hat Zug in seinen Schritten, dann ist klar, dass er fit wie ein Turnschuh ist. Rennt er jedoch, ist klar, dass mit dem Spielen nichts wird, denn dann ist eine Bergbeiz in der Nähe.

Weiss ich mal, wie viel Kraft er hat, ist das schon die halbe Miete. Dann muss ich nur noch die Windrichtung feststellen, die Windgeschwindigkeit abschätzen, die Wurfhöhe in meinem geistigen Auge projezieren, dann die Reichweite mit der Formel R=vo hoch zwei über g mal sinus(2Beta) berechnen, und schon weiss ich, wie weit er werfen wird. Simpel, oder? Und sollte er beim Werfen mal Ächzen und Stöhnen, dann ist klar, dass eine Sitzung beim Chiropraktiker ansteht. Im Normalfall aber kann ich ihm den Tannenzapfen vor die Füsse werfen, er bückt sich, während dieser Zeit renne ich voraus und warte. Sofern ich die Wurfparabel richtig berechnet habe, fällt der Zapfen genau vor mir auf den Boden, und ich muss nicht mehr lange suchen. Irgendwann wird er auch dahinter kommen, dass ich ihm im Rechnen weit voraus bin und dann wahrscheinlich eine neue Wurftechnik entwickeln. Bis es aber so weit ist, dürfte es noch lange dauern.

Nicht so lange jedoch, wie wir gestern den Berg hochkraxelten. Oben angekommen, durfte ich im Bergrestaurant Wasser trinken, während er sich mit einem Espresso begnügte. Meistermein hatte nämlich wieder mal vergessen, Geld mitzunehmen. Sonst hätte es bestimmt für einen Nussgipfel gereicht. Aber nun musste er sich entscheiden: Zigaretten und Kaffee oder Kaffee und Nussgipfel. Raten Sie, wie es ausging…

Nach einer Viertelstunde sah ich eine alte Freundin. Sie ist wirklich alt, eine Dalmatiner-Dame. Ich kenne sie, seit ich bei Meistermein lebe. Aber sie war, im Gegensatz zu mir, nicht etwa erschöpft, sondern sprang herum als ob sie der Aufstieg überhaupt keine Kraft gekostet habe. Sie offenbarte mir ein Geheimnis: Wenn man von der anderen Seite als wir auf den Berg geht, kann man fahren. Mit einem Bus. Vielleicht sollte ich dieses Geheimnis mal mit Meistermein teilen. Wobei: Ob man im Bus auch mit Tannzapfen werfen darf? Das muss ich unbedingt mal ausprobieren.


Rin Tin Tin, Lassie und Flipper

Dass ich das Wasser mag – ach, was schreib ich: LIEBE! – dürfte ja hinlänglich bekannt sein. Mein Meisterchen jedoch ist eher in die Katergorie der wasserscheuen Nichtschwimmer einzureihen. Passt. Heute führte er mich am Zürichsee aus. Was eigentlich

Ich, nass

Ich, nass

nicht vorgesehen war, aber in der Stadt war es brütend heiss, ich sah den See und zog wie eine Irre. Als er sich endlich erweichen liess, war es zu spät: Ich hatte einen Zugang zum See entdeckt und war schneller drin als er „Stop“ sagen konnte. Und prompt kamen Touristen angeströmt und fotografierten mich, als sei ich etwas, das es sonst auf der Welt nicht zu sehen gäbe.

Zwischendurch kamen ein paar Schwäne und fauchten mich an. Das war mir egal, so lange ich etwas apportieren durfte. Da Meisterchen lediglich ein Trüffel-Überraschungsei zur Hand hatte, warf er es wieder und wieder in den See, und von mir aus hätte dieses Spiel noch lange weitergehen können. Meisterchen meinte dann aber: „Du bist wie ein kleines Kind, das zitternd und mit blauen Lippen aus dem Wasser kommt und meint, es habe nicht kalt.“

Nun habe ich keine Ahnung, wie sich ein kleines Kind fühlt, aber gezittert hab ich schon. Pah, aber nicht etwa, weil ich kalt gehabt hätte.

Jedenfalls hat Meisterchen dann ein paar Mails geschrieben und Anrufe getätigt, und so werde ich nächsten Samstag zum ersten Mal zur Wasserarbeit gehen. Dort sind normalerweise grosse Hunde, die eine Mischung aus Rin Tin Tin, Lassie und Flipper sind: Sie springen aus Booten ins Wasser, retten Ertrinkende, gumpen aus Helikoptern, fliegen zum Mond, erfinden Computer und was-weiss-ich-noch-alles. Ich kann bis heute lediglich Überraschungseier aus dem See retten. Aber wer weiss: Vielleicht werde ich dort noch zum Mini-Flipper.


Eigentlich bin ich ein Fisch

Der Fisch stinkt vom Kopf her, sagt man. Ich bin aber kein Fisch. Sondern eine Lagotto-Hündin. Wobei: Müsste es bei einer Hündin italienischen Ursprungs nicht „Lagotta“ heissen? Oder vielleicht „La Göttin“? Sei’s drum.

Also, wie erwähnt: Ich bin eine Lagotta. Mit einem Hobby: Schwimmen. Egal, ob es draussen regnet, stürmt oder eine Bruthitze herrscht: Wenn ich nicht ins Wasser kann, werde ich depressiv. Oder zumindest etwas unbeweglich. Und manchmal – ich gebe es zu – zickig.

Dann stehe ich im Tram auf meinen Hinterbeinen, damit ich zuschauen kann, wie der See vorbeifährt, kratze mit den Vorderbeinen an der Scheibe, und wenn die Sehnsucht nach Wasser ganz riesig und gewaltig ist, untermale ich dies mit einem dezenten Heulen.

Am liebsten jedoch schwimme ich bei uns Zuhause im Weiher. Dort übe ich mit den Enten Wasserballet. Oder belle – aber unter Wasser. Oder versuche, einen der leckeren Fische zu fangen. Manchmal auch einen Frosch. Oder eine Kröte. Wobei ich die nicht so gut in meiner Schnauze tragen kann. Aber das haben Sie ja wahrscheinlich alles auch schon erlebt. Das Wasserballet mit den Enten zieht übrigens immer wieder mal Publikum an. Dann üben wir Formationsschwimmen: Ich an der Spitze, die jungen Enten hinter mir, und die Entenmamma als Choreographin an der Seite. Oder wir tanzen „Krokodil“: Ich hinter einer jungen Ente her, dann jagt sie mich, und am Ende schwimmen sie im Kreis um mich rum.

Kann ich nicht im Weiher schwimmen, dann eben im See. Oder zur Not in einem Brunnen.

Neben dem Schwimmen pflege ich meinen Kolleginnen- und Kollegenkreis. Wobei ich hier vor allem Tarec erwähnen muss: Einen stattlichen, schwarzen Labrador. Wenn wir uns treffen, dann hab ich selbstverständlich nur Augen für ihn. Und er für mich. Woraus folgt, dass wir uns mitunter auch vom Rudel absetzen. Tarecs zweibeiniger Begleiter ruft ihn dann jeweilen, nimmt eine dünne, längliche Metallpfeife hervor und klickt auch noch so auf einem merkwürdigen Gerät rum, dass es einem nur noch in den Ohren zwackt. Wir haben aber gelernt, dass man solchen Lärm getrost ignorieren kann. Erst wenn Meistermein ruft, renne ich los. Und Tarec mir nach. So erziehe ich ihn ein wenig, und sein Menschbegleiter meint jeweilen bewundernd: „Amira gehorcht prima!“

Nur: Das ist alles Blöff. Sobald ich wieder alleine bin zeige ich gern, dass ich einen dicken Kopf habe.

Eben, das mit dem Kopf, dort, wo der Fisch und ich anfangen zu stinken: Das hat auch mit dem Wasser zu tun. Denn in meinen haarigen Gehörgängen sammelt sich das, und so wuchern dort Pilze oder Milben oder was-auch-immer, die ganz erbärmlich stinken. Das Stinken ist mir ja egal. Aber das Jucken nicht. Haare zupfen finde ich auch eklig. Medikamente im Ohr sowieso. Aber Meistermein  sagt jeweilen: „Amira, du bist kein Fisch, also halt jetzt mal her!“ Und so vertreibt er mit den Gestank. Wobei: Vielleicht bin ich doch ein Fisch. Ein klein wenig jedenfalls. Zumindest dann, wenn ich im Wasser bin.